Der heutige Tag gilt in der
griechisch-orthodoxen Kirche als ein Trauertag. Denn in den Morgenstunden des
29. Mai 1453 war es den Truppen des türkischen Sultans Mehmet II. gelungen, die
Mauern der als uneinnehmbar geltenden Kaiserstadt Konstantinopel zu überwinden
und diesen letzten Rest des ehemals mächtigen byzantinischen Reichs in Besitz
zu nehmen. Während seine Soldaten mordend und sengend durch die Straßen zogen,
ritt der Sultan, der seither den Beinamen "Der Eroberer" trug,
begleitet von seiner Leibwache zur Hauptkirche der Stadt, der 1000 Jahre alten
Hagia Sophia, um sie zum Zeichen seines Sieges über die Ungläubigen in eine
Moschee umzuwandeln.
Es war der letzte Akt eines
Dramas, das sich über zweieinhalb Jahrhunderte hingezogen hatte. Den Anstoß hatten
weniger Osmanen als die Adelsrepublik Venedig gegeben. Denn es waren
Venezianer, die die Kreuzfahrer des Jahres 1204 mit der Aussicht auf große
Beute dazu brachten, statt gegen das Heilige Land gegen die alte Kaiserstadt am
Bosporus zu ziehen. Nachdem sie die Stadt überrumpelt und eingenommen hatten,
nahmen sie mit, was zu haben war, unter anderem die vier antiken Bronzepferde,
die heute noch über dem Portal der Markuskirche zu sehen sind. Sie verschonten
nichts, auch nicht die Kirchen, und ersetzen den rechtmäßigen Herrscher durch
einen Marionettenkaiser.
Obwohl
die Stadt gut 50 Jahre später vom oströmischen Kaiser zurückerobert wurde, hat
sie sich von diesem Schlag nie wieder erholt. Die Türken brauchten, als sie
soweit waren, die Früchte, die andere vom Baum geschlagen hatten, nur noch
aufzulesen. Diese anderen waren neben den Venezianern die Genuesen, die am
gegenüberliegenden Ufer des Goldenen Horns eine Handelsniederlassung errichtet
hatten. Von den Vorrechten, die ihnen der Kaiser eingeräumt hatte, machten sie
in der Weise Gebrauch, daß sie grundsätzlich beide Seiten, Byzantiner und
Türken, mit Waffen und Proviant belieferten. Formell waren sie neutral, was sie
als Möglichkeit verstanden, es mit der Seite zu halten, die gerade im Vorteil
war. Nach dem endgültigen Fall der Stadt waren die Genueser die ersten, eine
Gesandtschaft zum Sultan zu schicken, ihm zur Eroberung der Stadt Glück zu
wünschen und um Bestätigung ihrer Handelsprivilegien zu bitten.
Das gelang ihnen allerdings
nur schlecht. Pera, wie die von ihnen besiedelte Kolonie bis heute heißt, mußte
seine Mauern niederlegen, dem Sultan einen Tribut zahlen und auf seine
Autonomie weitgehend verzichten. Nur 50 Jahre später war es auch damit vorbei;
die Türken sperrten den Bosporus und unterbanden den ertragreichen Handel, den
Genua mit den Städten am schwarzen Meer geführt hatte. Nach und nach mußten sie
alle weichen, die Genueser aus Chios, die Johanniter aus Rhodos, die Venezianer
aus Kreta, Nauplion und Euböa. Nach dem Fall von Konstantinopel waren die
italienischen Seemächte auf sich selbst angewiesen und mußten, statt mit beiden
Seiten Handel zu treiben, gegen die Türken auf eigene Faust Krieg führen. Das
Kalkül der Kaufleute, die den Preis von allem und den Wert von nichts kannten,
war nicht aufgegangen.
Wie sich schon bald erwies,
waren die kulturellen Verluste enorm, denn es waren die Griechen gewesen, die
das antike Erbe genutzt, bewahrt und weitergereicht hatten. Nachdem die Stadt
erobert war, klagte der Humanist und spätere Papst Aeneas Silvius Piccolomini
über den "zweiten Tod" von Platon und Homer. Venezianer und Genueser
dürften in diese Klagen nicht eingestimmt haben, sie hatten anderes im Kopf als
die schönen, aber nutzlosen Künste. Aber auch sie mußten für ihre zweideutige
und kurzsichtige Haltung einen hohen Preis zahlen, denn die Waren, die Schiffe
und die Geschäfte, die sie in Konstantinopel betrieben hatten, waren dahin.
Nach Darstellung des
britischen Historikers Steven Runciman währte die Plünderung drei Tage lang.
"Die Plünderer drangen in Mönchs- und Nonnenklöster ein und trieben die
Insassen zusammen. Einige der jüngeren Nonnen zogen den Märtyrertod der
Entehrung vor und stürzten sich in die Brunnenschächte hinab; aber die Mönche
und älteren Nonnen gehorchten der alten passiven Tradition der orthodoxen
Kirche und leisteten keinen Widerstand. Privathäuser wurden systematisch
ausgeraubt; jeder Trupp ließ am Eingang ein aufgestecktes Fähnchen zurück zum
Zeichen, daß in diesem Haus nichts mehr zu holen war. Die Bewohner wurden
mitsamt Besitztümern verschleppt. Wer vor Erschöpfung oder Gebrechlichkeit
nicht weiterkonnte, wurde niedergemacht, und das gleiche widerfuhr einer Anzahl
von Kindern, denen man keinen Wert beimaß."
Solche Schilderungen laden
dazu ein, die Rechnung in derjenigen Währung aufzumachen, die auch Kaufleuten
einleuchtet, in Geld und Wohlstand also. Zu berücksichtigen sind dann nicht nur
die 200.000 Golddukaten, auf die Venedig seinen Schaden überschlug, sondern
auch die Verluste an Land, an Menschen und an Reichtum, die der mehr als 200
Jahre währende Dauerkrieg kostete, den von nun an die Türken gegen Europa und
Europa gegen die Türken führten.
Die
Rechenmeister hatten schlecht gerechnet, denn selbst nach ihren Maßstäben wäre
es billiger gewesen, den kurzfristigen Gewinn zurückzustellen und den Kaiser
von Byzanz in seinem letzten Kampf zu unterstützen. Zur Zeit ist die türkische
Regierung damit beschäftigt, die in Istanbul zurückgebliebenen Reste der
ehemals beträchtlichen orthodoxen Gemeinde dadurch auszuhungern, daß sie der
Kirche die Ausbildung von Priesternachwuchs verbietet und auch die Anwerbung im
Ausland untersagt. Gleichzeitig bildet die in Ankara ansässige Religionsbehörde
Tausende von Imamen aus, um sie als Sendboten nach Europa zu schicken.
Wer will, kann beides als
Ausdruck einer antiquierten Gesinnung betrachten, die Glaubensfragen Ernst
nimmt und ihnen ein Gewicht zumißt, das ihnen längst nicht mehr zukommt. Vor
den Folgen dieser Gesinnung werden aber auch diejenigen nicht bewahrt bleiben,
die mit der Religion nichts anfangen können und den Abschied vom Glauben als
einen säkularen Fortschritt begrüßen.
29.6.06
Quelle: http://www.welt.de/data/2006/05/29/894679.html