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3.12.2010 - Publik-Forum
Geht »loyale Opposition«?


> Ergebnis der Online-Umfrage von Publik-Forum

Ist die römische Kirche reformierbar? Eine ewige Frage wird akut. Denn ein durchschlagender Erfolg der Reformer bleibt aus. Bislang änderte sich nichts Wesentliches am Zentralismus und Absolutismus der Kirche, an der Distanz zu den Frauen, an der schwierigen Debatte um Zölibat und Sexualität, an der Begrenzung der theologischen Lehre durch die Amtskirche.
Nun aber wollen die deutschen Bischöfe den Dialog über alle offenen Fragen. Die katholische Bischofskonferenz erklärte auf ihrer Herbstvollversammlung, sie trage eine Mitschuld am Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche. Deshalb wollten die Bischöfe das Gespräch mit der Kirchenbasis.
Ein freier Dialog, mit offenem Ausgang? Viele glauben nicht mehr daran, dass das ernst gemeint sein könnte. Gotthold Hasenhüttl zum Beispiel, langjähriger Theologieprofessor in Saarbrücken und prominenter Vertreter der Reformanliegen, hat für sich einen Schlussstrich gezogen. Er trat jüngst aus der Institution aus, die er als »fundamentalistisch, reformunwillig und reformunfähig« bezeichnete.
Die loyale Opposition in der Kirche dagegen glaubt weiter daran, dass Reform »von oben« geschehen kann, wenn »von unten« daran mitgearbeitet wird. Als Beispiel dient der Kirchenvolksbewegung das Zweite Vatikanische Konzil, einberufen von einem »Reformer von oben«, Johannes XXIII.
Geht »loyale Opposition« in einer ständisch organisierten Kirche? Darüber streiten Eva-Maria Kiklas und Christian Modehn.

»Ja, Veränderung ist möglich«

Eva-Maria Kiklas wurde 1937 im schlesischen Lignitz geboren, arbeitete als Radiologieassistentin und in der Jugendseelsorge. 1995 war sie Mitinitiatorin des Kirchenvolksbegehrens und ist seitdem bei »Wir sind Kirche« engagiert. Kiklas lebt in Dresden:

»Die Kirchenleitung tut sich schwer mit jeder Form von Opposition. Das bekamen wir zu spüren, als wir 1995 das Kirchenvolksbegehren initiierten. Und ich erlebe es noch heute. Die römisch-katholische Kirche sei ja keine Demokratie, wird immer betont. Aber in der heutigen, weithin demokratisch verfassten Welt kann selbst eine kirchliche Gemeinschaft nicht ohne Korrektiv »von unten« überleben. Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., soll als Erzbischof von Krakau gesagt haben: »Jede große Organisation braucht eine loyale Opposition.«

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Veränderungen immer von unten angestoßen wurden. Die katholische Kirche hat ihre tiefen Krisen nur überstanden, weil es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die mahnten und protestierten, wenn Umkehr notwendig war. Das begann schon, als Paulus dem Petrus »ins Angesicht widerstand«. Und in der wechselvollen Kirchengeschichte gab es immer wieder Mahner – oft waren es Frauen –, die Missstände anprangerten und Visionen entwickelten: Katharina von Siena, Teresa von Avila, Franziskus, Friedrich Spee, Martin Luther – und Johannes XXIII. Das von diesem Papst eröffnete Zweite Vatikanische Konzil, das sich Luthers Forderung »Ecclesia semper reformanda« (Die Kirche muss ständig reformiert werden) zu eigen machte, weckte große Hoffnungen, die allerdings in den nachfolgenden Jahren von den Gegenkräften wieder zunichte gemacht wurden.

Umso wichtiger sind deshalb gerade heute Reformgruppen wie Wir sind Kirche. Das Konzil trug den »Laien« ausdrücklich das Recht und »bisweilen auch die Pflicht« auf, »entsprechend dem Wissen, der Zuständigkeit und hervorragenden Stellung, die sie einnehmen (...), ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, zu erklären«. Dies war auch die Grundlage für das Kirchenvolksbegehren vor 15 Jahren, aus dem die weltweite Kirchenvolksbewegung entstand.

Schon der Name unserer Bewegung – Wir sind Kirche – ist Programm. Er sagt: Nicht die Bischöfe allein, auch die Priester, Ordensleute und gerade auch die sogenannten Laien sind Kirche. Und so ist die Bewegung inzwischen zur nicht mehr überhörbaren Stimme des Kirchenvolkes geworden.

Dabei ging und geht es uns mehr um ein Dafür als um ein Dagegen; nicht »loyale Opposition« ist das zentrale Motto, sondern »auftreten statt austreten«. Schon vor dem Kirchenvolksbegehren beklagte das Zentralkomitee der deutschen Katholiken die Dialogverweigerung der Bischöfe. Deshalb ist auch jetzt die Skepsis im Kirchenvolk groß gegenüber der von Erzbischof Robert Zollitsch angekündigten »Dialoginitiative«. Viele der eher konservativen Bischöfe fehlten bei der jüngsten gemeinsamen Arbeitstagung mit dem Zentralkomitee, bei der der Dialogprozess Thema war. Für das Ansehen der Kirchenleitung wäre es fatal, wenn die deutsche Dialoginitiative genauso ergebnislos enden würde wie der auf Druck Roms beendete »Dialog für Österreich«. Derzeit nehmen die Proteste in ganz normalen Gemeinden zu, und es entstehen immer neue Gruppen, die eine Erneuerung in der Kirche einfordern. Immer weniger Gläubige lassen sich bevormunden und immer mehr bringen ihre Charismen ein.

Werden wir damit etwas erreichen? Von den fünf Forderungen des Kirchenvolksbegehrens ist keine im Kirchenrecht umgesetzt. Aber das Bewusstsein des Kirchenvolkes hat sich seitdem sehr verändert. Das zeigen vor allem die Katholiken- und Kirchentage sowie der von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Trendmonitor, der feststellte, dass sich nur noch 54 Prozent der Katholikinnen und Katholiken der Kirche verbunden fühlen, mehr als zwei Drittel davon aber kritisch. Das ist das Potenzial von Wir sind Kirche.

Wahrscheinlich steht der Kirche eine priesterarme Zeit bevor. Aber wer sagt denn, dass Gott nicht genau das will: dass die »Laien« Verantwortung für die Weitergabe des Glaubens übernehmen? Das ist ein Weg, der nicht nur zu spektakulären Aktionen aufruft, sondern es vermag, die Menschen in den Gemeinden und auch die vielen Suchenden mitzunehmen, ihr Selbstbewusstsein im Glauben zu stärken, damit die Botschaft Jesu auch in unserem Jahrhundert die Menschen erreicht.«







»Das ist eine Illusion«

Christian Modehn wurde 1948 in Berlin geboren. Der katholische Theologe und Philosoph arbeitet als freier Journalist und lebt in seiner Geburtsstadt. Ehrenamtlich betreibt er einen Philosophischen Salon:

»Keiner kann es leugnen: Grundlegende Veränderungen in Lehre und Struktur der römischen Kirche wurden von Reformkatholiken nicht bewirkt. Es wird Zeit, sich damit abzufinden: Das römische System versteht sich als gottgewollt und unveränderlich. Die Herren der Kirche lassen sich von niemandem außerhalb der Hierarchie in ihr Regieren hineinreden. Das heißt: Jegliche Hoffnung auf synodale Strukturen ist illusorisch.

Die Selbstdefinition der Reformkatholiken als einer »loyalen Opposition« ist ein Missverständnis: Opposition ist wesentliches Element der Demokratie; oppositionelle Parteien haben grundsätzlich die Möglichkeit, nach den Wahlen die Regierung zu übernehmen. Selbst außerparlamentarische Gruppen haben einmal die Chance, die Demokratie mitzubestimmen.

Die Machthabenden der römischen Kirche dagegen definieren ihre Kirche nicht als Demokratie, sondern als eigenständige Organisation – zum Beispiel als »mystischen Leib Christi«. Der katholische Theologe Hans Küng nennt die Kirche treffend »das einzige bestehende absolutistische System der westlichen Welt«. »Loyal Oppositionelle« haben keine Chance, ihre Anliegen demokratisch mit der Hierarchie zu diskutieren, geschweige denn umzusetzen.

Das römische System freut sich vielleicht manchmal über diese Kreise, denn sie vermitteln den Eindruck, als gäbe es ein bisschen Progressives im Katholizismus. Im Alltag der Kirche wird hingegen weltweit hart durchregiert. Ohne Mitentscheidung der Betroffenen werden Pastoral- und Finanzkonzepte durchgesetzt, reaktionäre Bischöfe lösen seit Jahrzehnten halbwegs aufgeschlossene Bischöfe ab. Reformkatholiken können dagegen mit Appellen nichts ausrichten. Nach der Freilegung zahlreicher pädophiler Verbrechen durch Priester haben diejenigen, die das Thema in die Öffentlichkeit brachten, keine Chance, an der Reform des Kirchenrechts beteiligt zu werden oder dafür zu sorgen, dass die offizielle Sexuallehre human wird.

Die »loyal Oppositionellen« begehen den Fehler, das Zweite Vatikanische Konzil als Reformkonzil zu idealisieren. Tatsächlich war es aufgrund vieler doppeldeutiger Beschlüsse gerade kein grundlegendes Reformkonzil im Sinne von Reformation. Die Zölibatsgesetzgebung besteht weiter, das ökumenische Abendmahl ist keinen Schritt vorangekommen, synodale Strukturen gibt es nur auf Bischofssynoden, bei denen der Papst das letzte Wort hat. Progressive Konzilstheologen, »loyal Oppositionelle« der Frühzeit, sind auf halbem Wege gescheitert. Die Anerkennung der Religionsfreiheit hat die kirchenkritische Öffentlichkeit erzwungen, kein »loyal Oppositioneller«. Eine Rückbesinnung auf dieses Konzil kann deshalb nicht die dringende Reformation der römischen Kirche herbeiführen.

Der Begriff »loyal« bedeutet so viel wie »die Autoritäten respektierend«. Loyal oppositionelle Katholiken wollen also doch »treu« zur verfassten Hierarchie sein. Sie sind getrieben von der »Liebe zur Mutter Kirche«. Dabei sollte ein Christ nur Gott lieben und den Nächsten und sich selbst. Die »Liebe zur Mutter Kirche« wird dagegen von der Hierarchie nahegelegt, um die permanente Hartherzigkeit des kirchlichen Apparates zu verschleiern.

Zwei Möglichkeiten bleiben: Zum einen die nüchterne Anerkennung, dass die römisch-katholische Kirche eine konservative Großorganisation ist und bleiben wird, heute mit einem Mix aus Opus Dei und Pater Pio, Fatima und dem Neokatechumenat. Zum anderen die kritische Beobachtung dieser in sich verkapselten Großorganisation, die man getrost den demokratischen Medien überlassen kann. Reformkatholiken könnten angesichts des absolutistischen Systems Kirche besser als Dissidenten leben. Das würde nicht nur die Finanzsituation der Kirche ändern.

Es wäre über die Gründung freier ökumenischer Gemeinden nachzudenken (die es in Holland und der Schweiz seit Jahren gibt), auch über die befreiende Kraft der Konversion in protestantische und freisinnige Kirchen. Braucht denn die Verbindung mit Gott immer einen kirchlichen Rahmen? Reformkatholiken sollten Befreiungstheologie leben – zum Beispiel beim Aufbau neuer spiritueller Orte.«

http://www.publik-forum.de/f4-cms/tpl/pufo/op/archivartgrp/art/display.asp?cp=/pufo/op89740/aktuelleausgabe/art73246/







Umfrage der Zeitschrift Publik-Forum

"Ist eine »loyale Opposition« in der römisch-katholischen Kirche möglich?"
Ist die römisch-katholische Kirche reformierbar? Eine ewige Frage wird akut. Denn ein durchschlagender Erfolg der Kirchenreformgruppen, die sich als »loyale Opposition« verstehen, bleibt aus. Nichts Wesentliches hat sich bisher geändert am Absolutismus der Kirchenleitung, an der Rolle der Frauen, an der Debatte um Zölibat und Sexualmoral, an der Kontrolle der Theologen durch die Amtskirche. Nun aber haben die deutschen Bischöfe einen »Dialog« über alle offenen Fragen angekündigt.



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